Samstag, 5. Oktober 2019
SCHLAFMÜTZE
Wie aus dem Nichts, komme ich mit meinen beiden Töchtern im Vestibül des Hotels an. Wahrscheinlich sind wir geflogen.
Ein Urlaub, in einem Resort, für uns etwas völlig Neues.
Hier haben die Farben ihre Leuchtkraft verloren. Über jedem Ding liegt ein grauer Schleier.
Auch Licht und Schatten, aneinandergeschmiegt, detailverliebt in ihrem fein abgestimmten Paartanz, unterwerfen sich diesem grauen Mischmasch.
Die Erinnerung tut sich schwer, in Punkto Präzision.
Menschen, ob mir nah oder fern, schwer zu greifen, als könnte ich durch sie hindurch langen. Vielleicht sogar hindurch gehen. Geisterwelt.
Nichts, an dem ich mich reiben oder stoßen kann. Hier ist alles möglich, oder auch nicht. Fliegend leicht, klebrig schwer.
Unwirklich, faszinierend.
Meine Augen, kann ich, einer telepathisch gelenkten Drohne gleich, aussenden. Visuell excarniert wird die Gegend überblickt. Ich fliege!
So sind wir hier, an einem Strand, nahe am Meer. Das Seeufer, in akkurat angelegte Salinen unterteilt. Oder ein Hafen für Wirtschaftstanker. Auf jeden Fall, eine riesige Anlage, wie mir meine “Drohnenaugen“ übermitteln.

Ich bitte, einen Mitarbeiter im Foyer, um Einarbeitung, im Umgang mit der einheimischen Bevölkerung.
Dieser ist jedoch beschäftigt, weitere Gäste zu empfangen.
Rasch füllt sich die, immer enger werdende, Empfangshalle.
Die beiden Töchter verflüchtigen sich. Sie erkunden die Umgebung.
Der Hotelangestellte spricht ein paar Willkommensgrüße, ich denke an Blumenketten.
Jetzt redet er mich persönlich an:
“ Aufgrund des Wunsches von lalol, brechen wir die Wände auf.“
Scham überkommt mich.
Hier, von der Eingangshalle aus, geben bis zum Boden reichende Fenster, den Blick auf eine Mauer frei. Eine Strandmauer, die aussieht, wie eine Stadtmauer. Das offene Tor, setzt ein, wildes, türkisblaues Meer frei. Pastellfarbene Häuser lugen um die Ecke, zur anderen Seite.
Kleine, plumpe Wesen, versuchen ein Schild in den Sand zu stecken.
„Bitte keine…“ weiter kann ich nicht lesen. Vermute aber, es soll heißen: „ Bitte keine Kirche aufstellen.“
Ich zoome mir die kleinen Wesen näher heran. Blasse, fast schon bläulich schimmernde Haut. Wulstige Knochen unter den Augenbrauen. Grobknochiger, quadratischer Körperbau.
Die Stimme des Mitarbeiters zieht, meinen in die Ferne schweifenden Blick, wieder in den Vorraum.
„Begegnen Sie Einheimischen niemals allein. Sie sind nicht gefährlich, jedoch für Überraschungen bekannt. Könnten Sie entführen und Unfug mit Ihnen anstellen."
Mit diesen, letzten Worten, werde ich mir selbst überlassen und trete hinaus, auf den Strand.
Die kleinere Tochter kommt, von rechts, auf mich zu. Die fremden Wesen, sind ihr unheimlich. Beruhigend rede ich auf das Kind ein:“ Die sind verkleidet, alles vom Hotel inszeniert.“
In diesem Moment erreicht uns, meine größere, von links kommende Tochter.
Aufgebracht, übermittelt sie uns eloquent, ihre Beobachtung, über die sozio-ökonomische Ungleichheit, in diesem Urlaubsparadies.
Träumend, stelle ich mir die Frage, wie wir unsere Urlaubstage am besten verbringen?
Werde wach.
Die wichtigsten Angelegenheiten des Menschen werden verschlafen!

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Montag, 29. Juli 2019
Reduzierte Soße – hausgemacht
Ich hasse Einkaufen in der Rushhour. Mit mäh..(= unser Kind in der Pubertät) und wäh..(= unser Kind in der Trotzphase) an der Seite ein wahrer Spießrutenlauf.
In deiner Kantine gibt’s heute nur Salatbar, also läuft das gute Frauchen nach ihrer Arbeit in den Supermarkt und besorgt einen Braten. Wird mein Zeitmanagement sprengen.
Apropos Arbeit: ein irrsinniges Kräftesaugen. Verantwortung tragen, ja klar, nur her damit –
da kann ich nicht nein sagen. Das Bild eines Lastesels steigt in mir auf.
Jetzt trag ich erst mal den Einkauf zum Auto, verschiffe die Kinder zu meinen Eltern, kümmere mich ums Abendessen.
Lass Handy, Handy sein. Sicher die Arbeit, wenn ich’s nicht ausmache, bedeutet das Dauerbereitschaft. Ohne mich geht’s halt nicht. Gute Kollegin – Schulterklopf – na, das alte System, hat mich fest im Griff.
Shit.. Zutaten für die Soße vergessen. So nehme ich, gezwungener Maßen, ein Päckchen aus dem schwedischen Einkaufhaus. Für knappe Zeiten gedacht.
Bin jetzt schon am Ende. Und heute Abend noch Tango. Muss sein, wir arbeiten an unserer Paardynamik.
Dein Schlüssel dreht sich im Schloss.
Du wirst den Mantel an deinen Haken hängen, die Schuhe wechseln, zum Kühlschrank gehen, ein Bier holen.
Ich kenn dich gut. Wir tauschen einen Blick, ohne Worte. Mein Einsatz: “ Hi mein Schatz, erst mal abschalten, eine rauchen, ich weiß.“ Gut eingespieltes Team.
Oh, oh.. du lässt deinen Blick durch die Küche schweifen. Er bleibt auf dem Braten im Schnellkochtopf hängen. Bitte, sag jetzt nichts...
Ich schlage einen Salto rückwärts. Spanne den weiten Bogen in die Vergangenheit. Unser erstes gemeinsames Abendessen. Selbstgemachte Nudeln. Du hast den Teig vorbereitet. Basilikum in der scharfen Tomatensoße. Ich mag Chili. Deine Soße, eine meditative Reise in die Welt der Sinne. Kulinarische Verführung auf höchstem Niveau. Mein Rotwein passt perfekt. Genuss pur. Ich erinnere mich, wie mir das Wort Backentaschenorgasmus aus dem Mund schlüpft und du mich neugierig, erstaunt ansiehst. Dieser Blick, meine Güte, ich war doch eh schon Hals über Kopf in dich verliebt.
Aber jetzt knallen Dimensionen aufeinander.
Ich sag noch:“ Marilyn Monroe wollte mal ein Hühnchen mit dem Föhn auftauen.“
„Und hat sie es geschafft?“ Ich hasse diesen süffisant, schneidenden Ton in deiner Stimme.
Natürlich musst du das Päckchen Bratensoße in die Hand nehmen, um es angewidert wegzulegen. „Ich hätt` wohl`n Hühnchen mitbringen soll`n. Mach das nächste Mal dein Handy an.“
Hantierst am Kochtopf rum. Murmelst,“ blöde Zeitmaschine.“
Hilfe(innerlicher Aufschrei)! Mein Aggregatzustand verändert sich. Die Augen lassen Funken sprühen. Rauch dringt aus meinen Ohren, die Mundhöhle bereitet sich vor, den in mir, rasend schnell wachsendem Drachen Platz zu machen, denn dieser reißt sich gerade von seiner Leine los und spuckt Feuer: “ Raus aus der Küche, das mit dem Kochtopf mach ich selbst!“
Den Rest der Geschichte kennen Sie.
Bleibt noch die Frage offen: Wie zart wurde das Fleisch? ;)

casalinga

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Los Froggos
Musiker mit Sombreros, tänzeln sich, in dieser Filmszene, vor der typisch amerikanisch, pittoresk erscheinenden Hintergrundkulisse ein.
Wüstenberge in orangegelbes Licht, der untergehenden Abendsonne, getaucht.
Könnte der Malerin Georgia O`Keeffe entliehen sein. Mit Rinderschädel im Bild herumliegend.
O`Keffee`s Ausstellungstermin entnimmt der/die kulturbewusste Münchner/in der hiesigen Regionalzeitung. Sowie er/sie überwiegend sein/ ihr Paperlapap auf dieses Medium stützt. Wieso das Gehirn unnütz mit globalen Hintergründen füttern, wo Informationen zuhauf über den Rand purzeln. Gähn! Verweilen sei Fabelwesen, Urgesteinen, Dinosauriern oder Korinthenkackern vorbehalten.
Los Froggos stehen sich, in der Warteschleife, die Füße in den Bauch. Ihre Stimmen flöten leise, trucking...trucking... trucking, um heiseres Gequake zu vermeiden.
Und es ist nicht die weiche Abendsonne , sondern die Morgensonne nötig, um den Tag in den Kasten zu bringen.
Der Truck, eine Diva auf dem Highway, hat lange genug auf sich warten lassen. Dicke gewichtige Dame.
Endlich ein kleiner, flimmernder Punkt auf der Geraden.
Katerchen, mitten auf der Straße platziert, begutachtet seine manikürten Krallen:
„Uhh, die Elegance meiner weichen rosa Pfotenballen wird dahin sein, sobald isch sie in den warmen Asphalt spreize. Aaa ... isch `ätte auf Knetmasse bestehen sollen. Lieber doppelter Boden als ein widerlich klebriger, nur mit Aceton löslicher. Merde!
Ohlala, seit isch mir als Kind warmen Teer in den Bauchnabel schmierte, ist er meine empfindliche Stelle. Nichts prickelt mehr ... nun gut, lassen wir den Truck anrollen.“
Ein Blick mit dem Fernglas lässt die billige Besetzung des Fahrers erkennen.
Geschlecht unbestimmt, aber eindeutig ein Googlemoogle.
Nicht zu verwechseln mit Googelmoogel, einem Ei mit einer Krawatte um den Hals. Begnadeter Dichter. Nichts macht seinen Kopf gewichtiger.
Googlemoogle das Spiegelbild. Ein mit heißer Luft aufgeblasener Ballon. Ausgestattet mit einem Cerebellum externa. Idealbesetzung, die über den Kater hinwegrollt. Der dünnhäutige Ballon wird in einer Welt, die aus Ecken und Kanten besteht, seinen Platz nicht verlassen. Ein Sesselpupser!
Katerchen reckt sich, streckt sich, stellt wie in einem Comic seine Haare zu Berge, arretiert die Vorderpfoten in den warmen Asphalt und senkt träge die Augenlider.
Der Truck, rollt, ohne ihm ein Haar zu krümmen, über ihn hinweg.
Stunts macht er lässig ... immer selbst.
Durch das Fernglas ist auf der Rückseite des Trucks zu lesen:
„Eiliger Schmerzmitteltransport“

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Dienstag, 6. März 2018
Die Stunde
Aus dem länglichen Karree des Parks werfen die alten Kastanien ihre kühlenden Schatten auf die andere Straßenseite.
Sie hat noch Zeit, dreht ihr Gesicht der Sonne entgegen, nimmt gierig die mit Vitamin D3 gefüllten, gleisenden Strahlen, über die leicht zusammengekniffenen Augen auf.
Atmet behaglich ein, wendet sich dem Klingelschild zu, blickt auf die Namen der Tafel, ohne sie zu lesen. Drückt den, ihr bekannten, Knopf, wartet auf das Geräusch des Türsummers.
Stemmt das Gewicht gegen die Haustür und tritt in den dunklen Flur.
Nimmt zwei Treppen auf einmal, hastet die Stufen nach oben. Sie mag dieses, Treppe nach oben hasten. Die Dynamik des Körpers fühlt sich lebendig und energiegeladen an.
Vor der Wohnungstür muss sie noch einmal klingeln, um eingelassen zu werden.
Im Warteraum schlüpft sie aus den Schuhen, setzt sich, in die Ecke des Sofas, zieht die Knie an, dass Beine und Füße auf dem Polster Platz haben.
Ein sich ausbreitender Geruch lässt sie schnuppern. Kurz blinkt das Bild eines kleinen, jungen Hundes auf. Pfeifentabak, streng, würzig, dringt er durch die geschlossene Tür.
Verkürzt sich das Warten, indem sie die Buchtitel, im Regal gegenüber studiert.
Dann öffnet sich besagte Tür, ihr Therapeut begrüßt sie und Beide gehen in einen weiteren Raum.
Zwei große, schwarze Ledersessel stehen sich gegenüber. Sie setzt sich in den Stuhl an der Tür, mit Blick zum Fenster, kann die grünen Kronen der Kastanienbäume aus dem kleinen Park sehen.
Sinkt weiter in den Sessel, wird verschluckt.
„Lass uns etwas ausprobieren. Ich möchte Deine Wut spüren. Ich gehe in den Vierfüßlerstand, meine Fußsohlen gegen die Wand. Du, auch im Vierfüßlerstand, mir gegenüber, damit ich Deine Schultern mit meinen Händen halten kann und dann versuchst Du, mir mit all Deiner Kraft konter zu geben. Wäre das für Dich okay?“
Die Vorstellung bereitet ihr Unbehagen, aber sie möchte sich nicht verschließen. Sie nimmt sein Angebot an.
„Wo ist Deine Kraft, Ich kann Deine Wut nicht spüren.“
Es ist Ihr nicht möglich, ihre Aggression gegen ihn zu richten. Sagt es ihm.
„Lass uns Deine Wut nehmen, Was möchtest Du mit ihr machen?“
Sie nimmt ihre tote Wut, legt sie in eine Ecke und deckt sie mit einem grauen Tuch zu.
Die Stunde ist zu Ende.
Was geschieht mit ihr? Ihre Beine tragen sie kaum, unsicheren Schritts verlässt sie die Wohnung. Muss sich am Treppengeländer einhalten. Die Grenze zwischen der Umwelt und ihr weicht auf, als wäre sie ein bunter Schatten in dieser Welt. Bewegt sich, wie ferngesteuert, durch einen Autopiloten, mechanisch.
Findet den Autoschlüssel, schließt auf, setzt sich, fährt los.
Ist auf der Zielgerade nach Hause.
Der Fuß auf dem Gaspedal wird schwerer. Als würde sie gegen einen starken Sturm ankämpfen, einer Gewalt, die es schafft, ihr Gesicht zerfließen zu lassen. Das Gesicht löst sich auf. Es verflüssigt sich. Sie sieht Tropfen am Schädel vorbeiziehen. Sich dehnende, immer länger werdende Tropfen, aus grauer, flüssiger Haut.
Fährt rechts ran, bringt das Auto zum Stehen.
Ist fassungslos.
Sie hat ihr Gesicht verloren.

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Samstag, 21. Oktober 2017
Sind wir doch mal ehrlich,
natürlich gestalte ich mich im Laufe des Lebens selbst.
Nehme mir Vorbilder, moralischer, gesellschaftlicher, äußerlicher Art.
Habe mich so recht und schlecht zusammengezimmert.
Manchmal mehr, manchmal weniger zufrieden mit mir.
Aber jetzt beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Den habe ich mir nicht herbeigewünscht.
Das ist die sogenannte biologische Uhr, die erbarmungslos tickt und mein Ich auf den Kopf stellt.
Mich zerreißt. Ich zerreiße!
Das Glück tritt zurück!
Und auseinandergefallen, wie ich bin, gilt es, mich wieder zusammenzusetzen.
Wer bin ich?
Wer will ich sein?

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Dienstag, 19. September 2017
50 grades of shay
Sie hastete die Stufen empor und erreichte die Wohnungstür.
Atemlos.
Er öffnete.
Sie drängte ihn in den Raum.
Er führte sie zum Sofa und wich zur Seite.
Sie setzte sich.
Kniend zog er ihr die Wildlederslipper von den seidigschwarzen Füßen und stellte sie parallel zueinander.
Dann richtete er sich auf um ihre kleinen Schuhe neben den seinen, in der Diele abzulegen.
„Wein?“
Sie hatte sich auf ihre Hände gesetzt und blickte zum Tisch.
Dort standen zwei langstielige Rotweingläser neben einer geöffneten Flasche.
Er nahm die Weinflasche und drehte das Etikett in ihre Richtung.
„Amarone.“
Sie lächelte, sie mochte diesen schweren Wein.
Er schenkte ein, reichte ihr ein Glas.
Und sagte:“Kiffen?“
Sie zog das Bukett der tiefroten Traube durch ihre geblähten Nasenflügel.
Langsam, kontrolliert ließ sie den gehobenen Brustkorb bis unter den, sich nach innen ziehenden, Bauchnabel sinken.
Und dachte: „Ficken.“
Er zündete den Joint an, saugte daran, reichte ihn ihr.
Kopfschüttelnd lehnet sie ab. Sie war schon high.
Er setzte sich an den Tisch und rauchte.
Sie nippte an ihrem Glas, stand auf, stellte es an den Tischrand, giff ihren Stuhl und platzierte diesen in der Mitte des Raums.
Dann verließ sie das Zimmer, ging in die Diele und öffnete seinen Schrank.
Inspizierte das Ordnungssystem.
An der Kleiderstange ein paar Oberhemden, zwei Jacketts.
Sie schob ihre Hand tief zwischen die Kleidungsstücke und drückte den glatten Stoff auseinander.
Suchend glitten die Finger von einem Hemd zum anderen.
Die Gewebestruktur kühlte ihre Fingerspitzen.
Als könnte sie sich am Jackett wärmen, hielt sie einen Augenblick in der Bewegung inne, zog das Revers zu sich, um den Hosenbügel einzusehen und zupfte eine Krawatte vom Bügel.
Leicht frierend schloss sie die Schranktür und kehrte in den, mit Rauch gefüllten Raum zurück.
Er saß am Tisch.
Sie trat zu ihm, nahm einen samtigen Schluck aus ihrem Glas. Umspült von der weichen Flüssigkeit bettete ihre Zunge, in der geräumigen Höhle, sich sanft auf den Mundboden. Die Frau beugte sich über den Mann und flößte ihm das herbe Nass ein.
Er ließ es geschehen.
Bei ihrem letzten Abschied tröstete er sie mit einem unerfüllten Versprechen.
Eine Erwartung, die noch in der Luft stand.
Aber dieses Mal verführte sie ihn.
Ruhend legte sie ihre Hand zwischen seine Schulterblätter, spürte die ankommende Wärme.
Der aufwärts schiebende Druck ihrer Handfläche Richtung Halswirbelsäule, bedeutete ihm aufzustehen und begleitete ihn zum frei platzierten Stuhl.
Er setzte sich.
Mit seiner Krawatte verband sie seine Augen von hinten nach vorne, wieder nach hinten.
Sie besetzte ihn mit ihrer Vorstellung.
Sein letzter, blinder Widerstand:
„Lieber eine Stumme in der Hand, als eine Taube auf dem Dach.“

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Samstag, 29. Juli 2017
Es ist noch nicht zu Ende
Wie ein Zwetschgenmanderl sitzt er in seinem drehbaren Fernsehsessel.
Den Sauerstoff an das Beistelltischchen gehängt, hält er Audienz.
Seine Enkelin reicht ihm das Jahreszeugnis.
„Gut, lobenswert, Unterstufenchor, das musst du mir erklären.“
Das Kind setzt zur Erläuterung an. Dann ist sie entlassen und schlüpft aus dem Zimmer.
Ich bin mit ihm allein. Sitze neben ihm, auf einem weichen Ledersofa.
Er dreht seinen Stuhl in meine Richtung: "Was gibt es zu erzählen?“
„Es gibt nichts zu erzählen.“
„In Meran war ich in einer Ausstellung, ein Künstler stellte das Nichts aus…“
Wie hat er das Nichts zur Darstellung gebracht?“
„Das ist die richtige Frage.“
„Zwei sich überlappende Samtvorhänge zum Durchgehen und am Ende gab es einen dunklen, schwarzen Raum.“
Das ist nicht das Nichts. Schwarz-Weiß. Licht. Licht wird aus der Dunkelheit geboren, wispert es in mir.
„Gesehen habe ich nichts. Ich wurde zum Narren gehalten. Kunst für Dumme.“
Schweigen.
Er setzt von neuem an:„Ich kann nicht beurteilen, ob du viel leistest. Ich kann das nicht für dich beurteilen. Verstehst du?
Es gibt Menschen, die haben viel im Kopf.
Die Ärztin, ich halte sie für kompetent. Macht zusätzlich zur Praxis Hausbesuche. Sie hat mich heute besucht, mir das Blut abgenommen, mich angerufen, die Blutwerte durchgegeben und weitere Handlungsschritte erörtert. Für mich leistet sie außergewöhnliches, kein Zweifel.
Aber vielleicht ist das für sie nichts großartiges.
Eine Leistungsskala kann ich nur für mich erstellen, für niemanden sonst. Meine Leistung hat abgenommen. Nicht nur körperlich, auch geistig.“

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Montag, 18. April 2016
Alles fängt als Kugel an
Die leuchtende Zeitdiagonale zerschneidet den schwarzen Raum des Koordinatensystems symmetrisch.
Zeitlose, aneinandergereihte Ichpunkte.
Ich löse einen Punk aus der Geraden und eine schwerelose Kristallkugel schwebt auf meiner rechten Hand. Mit der linken greife ich durch eine Nebelwand in den Hohlkörper.
Mein Organismus wird in das Innere der Kugel gesaugt, die Größenverhältnisse gleichen sich an.
Eine Wirklichkeit schneidet die andere, zwei Kreise bilden eine Schnittmenge.
Der Nabel der Welt hat sich gebildet.
Die neue Welt füllt sich.
Häuserreihen an den gekrümmten Rand geschmiegt. Verzerrt, verschwommen und aufgrund des Nebels unklar. Bekannt und doch unbekannt. Schon einmal dagewesen und doch nicht.
Aus dem Ich bildet sich ein Du.
Der Dritte nähert sich.
Die Statur hat sich minimal verändert. Etwas zarter, ein wenig größer. Der Körper von seinem Gewicht befreit.
Du erkennst ihn und sprichst ihn an:
„Du hast mich nie als Frau gesehen.“
Er kennt dich und du gehst mit ihm.
Ohne Worte zeigt er dir seine Arbeitsstelle, ein Theater. Das passt zu ihm.
Du möchtest die Aufführung sehen.
Er führt dich die Treppe hinunter und geht.
Er hat dir keinen Platz im Publikum zugewiesen. Du bist im Orchesterraum allein.
Das Stück auf der Bühne die Generalaufführung eines... Marionettentheaters.
Du siehst es dir an. Am Ende gehst Du über den Notausgang hinaus.
Du wirst zum Ich.
Auf der Wiese liegen sorgsam ausgebreitet ein Kleid mit Hut. Dazugehörige Schuhe mit Absatz. Weiße Handschuhen und eine Handtasche.
Der Dritte, der dich kennt, hat es für mich bereitet.
Aus einem Traum ist Sie entstanden.

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Donnerstag, 10. März 2016
hOMmAge
Anna hat mich geweckt und so bin ich nicht gänzlich überrascht, als Karla die Tür aufmacht und zu mir tritt.
Sie hat das Spielbrett schon in ihren Händen.
„Wie geht es den Kindern? Geht es Nadja in der Schule gut? Ist Sofia noch mit Konstantin zusammen?
Der Johannes und die Katharina gehen jetzt beide nach Rosenheim auf das Gymnasium. Und der Johannes geht seit Schulanfang in den Plattelverein.“
Ob die Enkelkinder noch Kontakt haben, wenn ich nicht mehr da bin? Ich hab sie alle aufwachsen sehen. Jetzt haben sie ihre eigenen Kinder.
„Fünf Urenkel habe ich, der kleinste ist Lukas.
Du warst ein solcher Zornesbinkel, Karla. Einen roten Kopf hattest du vom Schreien, als du in den Laufstall musstest. So ein Dickschädel. Wir haben dich dann zum Heuen mitgenommen. Dein Kinderwagen stand hinten im Heuwagen.
Du warst lang bei uns.
Mit einem blauen Auge kam die Anna zu uns. Sie ist immer wieder zurückgegangen.
Aber du warst bei uns und hast Hennadreck gegessen.
Komm Karla, gib mir das Tablett, dann können wir auf dem Bett spielen.“
Karla beugt sich zu mir, küsst mich sanft auf beide Wangen und ich streiche ihr das helle, blonde Haar aus der Stirn.
„Ich lieg gut, stell das Spielbrett ab.“
Durstig bin ich nicht, aber ich trinke ein paar Schluck aus dem Glas, das sie mir reicht.
„Jetzt ist aber genug, lass uns spielen. Gib mir meine Brille. Nein, die Hörgeräte brauche ich nicht. Ich sehe die Würfel ja. Bei der Vier und der Sechs hilfst du mir.“
Als Anna ein Kind war, gab es keine Zeit zum Spielen. Ich lernte ihren Vater im Krieg kennen. Er kam aus Nürnberg, hatte dort eine Frau. Wie traurig seine Augen aussahen. Er war sehr allein. Ich konnte ihm nur ein wenig Wärme schenken, bis der Krieg in wieder zu sich nahm und nicht mehr losließ. Armer Karl.
Dann mussten wir weg. Das schöne kleine Haus verlassen. Die Anna konnte gerade laufen und ich war jung und stark. Ich war auch stärker als mein späterer Mann. Ich konnte viel tragen. Wille macht stark und ich wollte Bäuerin werden, nie wieder hungern. Der Krieg, was für eine Zeit.
Ich schieb die Vergangenheit weg und bin da. In der Gegenwart.
„Nicht dass du mir gewinnst Karla. Du stehst vor deinem Häuschen. Aber mit einer Zwei kommst du nicht rein, du brauchst eine Eins.
Das nächste Spiel gewinne ich. Jetzt bin ich müde. Grüß den Andreas und die Kinder von mir. Bring sie das nächste Mal mit und wir spielen „Mensch ärgere dich nicht“.
Nicht weinen!“

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Donnerstag, 6. August 2015
Der letzte Sommer
Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen
Die sich über die Dinge ziehn
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen
Aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang
Rilke




https://www.youtube.com/watch?v=lJ5DiAVeiBg

Und ich wanderte zu dir in deinen Garten. Du lagst im Schatten unter der Quitte.
Das kühle türkisblaue Tuch bedeckte dein flatterndes Herz.
Wir betrachteten die geschlossenen Knospen der Rose,
wissend um die in sich tragende Kostbarkeit.
Die Luft umhüllte uns mit ihrer sommerlichen Fülle.
Wir in diesem Tag, scheinend in seinem Glanz.
Der Augenblick wurde langsam und vergrößerte seinen Raum.
Und ich wusste, jetzt brach deine Zeit an. Nur für dich.

Du warst nicht mehr im Garten.
Dir fehlte die Kraft.
Und du fragtest mich:
„War er richtig dieser Weg? Bin ich den rechten Weg gegangen?“
Ich konnte dir Antworten:
„ Du gehst deinen Weg, wie könnte er abwegig sein?"
Und du nicktest:
„Die Verbundenheit mit der Natur, sie war mir immer wichtig.
Mit dem Universum werde ich mich verbinden.“

Du gabst mir Gelegenheit, dir zu sagen, was mir auf dem Herzen lag:
„Du bist mir meine große Schwester.
Du ebnest mir meinen Weg, so wie es Geschwister tun.
Du meine Wegbereiterin.“
Und du antwortest mir:
„ Ja, ich weiß. Ich bin neugierig auf diesen Weg.“

Der Hüter der Schwelle saß an deiner Tür und winkte mich durch.
Ich durfte bei dir sein.
Ich rieb dir die Füße ein.
Du weintest:
„Wie sehr habe ich mir gewünscht, dich in meiner schweren Zeit bei mir zu haben.“
Ich weinte.
Das Wasser unserer Seelen vermischte sich.

Der Hüter der Schwelle saß an deiner Tür und winkte mich durch.
Ich durfte bei dir sein und mein Versprechen einlösen:
"Wie du dich auch entscheidest, welchen Weg du auch gehst,
ich begleite dich."

der letzte Kuss
auf die Stirn
zwischen deine Augen
du lächelst
so leicht

"Die Nebel lüften sich.
Ein Engel erscheint

Sein Blick so klar.
Die Flügel weit.

Was will er mir sagen?
Kein Wort
Nur ein Blick

Tief in mein Herz hinein
Und leise ganz leise
sagt es ja"
G.G.

Bis über den Tod hinaus
ich liebe dich – ich vermisse dich

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