Donnerstag, 10. Oktober 2019
Upside down
Tochter: „Hast Du das Buch schon angefangen?“
Mutter:
„Habe es schon durchgelesen. Sehr witzig, also das Witzige an diesem Buch ist diese Spiegelung, in der ich, meine Mutter, mich und auch Dich wiederfinde. Extrem gelungen.
Sonst macht das Buch nachdenklich und traurig.
Zum Beispiel, warte, mir fällt das Wort gleich wieder ein.
Ahja, die Brücke ist, Strumpfhose und Graben: Thigh Gap!
Ich wusste nicht, dass es dafür ein Wort gibt, es ist tatsächlich so, ein thigh gap hätte ich gerne gehabt. Unsere Oberschenkel sind einfach kräftiger. Wie schön wäre es gewesen, sie hätten sich nicht berührt. Schmale Oberschenkel. Ich erinnere so gut, an dieses Schönheits-Ideal. Aber ich dachte, es käme von mir heraus, nur ich hätte es. Oder, ich wusste, bis zu diesem Buch nicht, das der Heroin- Look, oder Heroin-Chic, Mitte der 90ger Jahre, ein geltendes Schönheitsideal war. Aber ich weiß, wie ich meine Wangen einzog und die Hohlräume dunkel schattierte, um Pausbacken zu kaschieren. Und meine Äußerung, ich mag androgyn, gleicht einem Werbesogan. Ist ein Werbeslogan!
Klar, wir wollten alle cool und fertig sein.
Nun ja, wenn ich meine Mutter ansehe, jetzt eine rundliche, gesunde Frau, die gerne isst.
In meiner Kindheit, lag sie, in einer engen, knallblauen “Saitinhose“ auf dem Boden und ich half ihr, den Reißverschluss zu zumachen. Mit ihrer Röhrenjeans, legte sie sich in die Badewanne, damit diese besser saß.
Unsere Basis-Lebensmittel bestanden aus “Überkinger“, “Becel-Magerine“ und Knäckebrot. Du kennst diese kleinen Anekdoten aus meiner Kindheit.
Noch eine kleine Geschichte: Als meinem Bruder und ich, in Südamerika, am Strand lagen, wollte dieser, dass ich mich von ihm weg legte, damit die „Mädels“ nicht dachten, er sei mit „einer Fettel“ zusammen. Ja, ich verstand ihn.
Und bei euch, der nächsten Generation geht es weiter. Wie oft, sitzen wir am Familientisch, mit Zucchinispaghetti und vegetarischer Bolognese und überlegen, wie wir schlankheits-bewusster Leben und abnehmen könnten?
Da ist nicht mehr das Individuum wertvoll in seiner Einzigartigkeit, da geht es darum, uns alle einem absurden Schöhnheitswahn zu unterwerfen. Hält uns das Denken an Äußerlichkeiten dumm? Werden wir, manipuliert wie wir sind, von den wichtigen Fragen im Leben abgehalten, um das Wirtschaftswachstum nicht zu gefährden? Immerhin bringt eine Schönheitsoperation mehr Gewinn, als eine Geburt, die Versorgung eines\r Palliativpatienten\in, eines alten Menschen u.s.w.
Erschreckend, zu sehen, wie Werbebilder sich in unserem Denken zu Wertebildern manifestieren.

Spieglein, Spieglein, an der Wand, wer ist das schönste “Verreggerl“ im ganzen Land.
Machen wir aus hässlich schön und aus schön hässlich?“
Tochter:
„Wie die Ledermäuse bei Walter Moers: „Oben ist unten und hässlich ist schön!“

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